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30. März 2025 | 17:18 Uhr
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Warum sich Advita auf den Osten Deutschlands konzentriert

Die Pflegegruppe Advita ist in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen mit ihrer ambulanten Versorgungskette seit den 90er Jahren "Teil der städtischen Kultur", wie CEO Ralf Stähler (Foto) es ausdrückt. Im Westen läuft das Modell, in dem die Tagespflege eine wesentliche Rolle spielt, nur langsam an. Das ist aber nicht der einzige Grund, weshalb Advita vor allem im Osten weiter wachsen möchte. Gerade beim Betreuten Wohnen tun sich dort ganz neue Perspektiven auf, erklärt Stähler im Interview.

Stähler Ralf CEO Advita

Ralf Stähler ist seit 2023 CEO von Advita, davor war er beim Klinikkonzern Sana Chef des Dienstleistungs- und Beratungsbereichs     

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Hilfe bei Inkontinenz durch Blasenschwäche und Übergewicht

Übergewicht ist in Deutschland weit verbreitet: Rund 54 Prozent der Erwachsenen sind betroffen, einschließlich Adipositas. Besonders ältere Menschen leiden häufiger darunter. Ein zu hohes Körpergewicht belastet den Beckenboden und kann zu Blasenschwäche führen. Etwa 3,4 Millionen Menschen in Deutschland kämpfen mit Adipositas und begleitender Urin-Inkontinenz, was häufig zu sozialer Isolation und noch mehr Gewicht führt. Mehr erfahren

Herr Stähler, Advita hat neulich in einem Tagespflege-Ranking Position eins eingenommen. Von 67 Standorten, laut Pflegemarkt.com, mit insgesamt 2.050 Plätzen war die Rede. Warum spielt die Tagespflege für Sie eine so große Rolle?

Ralf Stähler: Nun, wir haben 50 Standorte, nicht 67. Wie auch immer, Advita ist seit seiner Gründung 1994 ein ambulantes Unternehmen. Wir bieten die gesamte Versorgungskette an: ambulante Pflege und als additive Angebote Betreutes Wohnen und die Tagespflege, wenn die ambulante Pflege allein nicht ausreichen sollte. Diese Logik unserer Versorgungskette ist der eine Grund, weshalb die Tagespflege bei uns prominenter vertreten ist als bei vielen anderen Pflegeunternehmen. Hinzu kommt die gesamtgesellschaftliche Entwicklung: Die Tagespflege ist ein flexibles Angebot, das man montags, mittwochs und freitags nutzen kann – oder auch nur montags und freitags – je nachdem, wie die Familie Zeit hat, um die restlichen Wochentage selbst zu übernehmen. Es kommt gerade in letzter Zeit auch vermehrt vor, dass Pflegebedürftige die Tage aus finanziellen Gründen reduzieren. Aber – das ist der große Vorteil – sie können auch leicht wieder aufstocken, wenn die Lebensumstände der Familie es erfordern.

Können Sie mit solch einem Hin und Her denn leben? Kriegen Sie die Plätze so kurzfristig immer wieder gefüllt?

Ja, das ist kein Problem. Wenn Sie auf die Karte mit unseren Standorten schauen, sehen Sie, dass die Hälfte in Sachsen liegt. Im Osten liegen unsere Kern-Bundesländer: Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Daneben haben wir noch einige Standorte in Berlin, im Rheinland, in Baden-Württemberg und in Bayern. Im Osten sind wir schon lange unterwegs, da sind wir etabliert in der Versorgungsstruktur und haben keine Probleme, die Einrichtungen zu füllen.

Und lohnt sich die Tagespflege auch finanziell?

Ja, es ist zwar nicht der Bereich, mit dem wir am besten verdienen, aber es ist völlig okay. Wir werden dieses Jahr gut über 210 Millionen Euro umsetzen, 60 bis 70 Millionen davon kommen aus der Tagespflege. Ich muss allerdings sagen, dass der Transfer unseres Modells in den Westen uns tatsächlich schwergefallen ist.

Warum ist es im Westen schwieriger?

Im Westen scheint die Versorgung von Pflegebedürftigen eher eine Entweder-Oder-Frage zu sein: Entweder der Pflegebedürftige kann mit ambulanter Pflege noch zu Hause leben, oder die Familie entscheidet – sollte sich sein Zustand verschlechtern –, dass er ins Heim kommt. Das hat für meine Begriffe auch etwas mit der Vermögenssituation zu tun. Bei der Rente gibt es noch immer einen West-Ost-Unterschied, auch der Vermögenshintergrund ist ein ganz anderer: Während 70-Jährige im Westen durchschnittlich über 200.000 Euro verfügen, sind es im Osten 74.000 Euro. Die finanziellen Ressourcen sind also viel begrenzter, da gibt es eine ganz andere Notwendigkeit, sich nach anderen Lösungen als dem Pflegeheim umzusehen. 3.000 Euro Eigenanteil und mehr – das kann sich kaum einer leisten. Hinzu kommt sicherlich – das ist zumindest meine Sicht auf die Dinge –, dass die Familien im Osten näher beieinander wohnen, sie können mehr Pflege übernehmen, die Geschwister sich eher abwechseln.   

Das klassische Pflegeheim kommt für Sie als Anbieter gar nicht in Frage?  

Nein, nach wie vor gilt für uns das Motto der Gründungsväter von Advita: Ermögliche den Menschen so lange wie möglich zu Hause zu bleiben und schaffe Ressourcen, die sie in ihrem eigenen Umfeld unterstützen, entweder in ihrem ursprünglichen Zuhause oder im Betreuten Wohnen. Es ist uns ernst damit: Wir werden keine klassischen Pflegeheime betreiben. Unser Modell ist günstiger und ermöglicht mehr Flexibilität.

Und was das Betreute Wohnen angeht: Da werden wir von dem Modell 'Projektentwickler baut Senioreneinrichtung und verkauft an Investoren' Abstand nehmen. Dass das die richtige Entscheidung ist, hat uns kürzlich erst ein Projekt in Burgstädt nordöstlich von Chemnitz gezeigt: Da explodierten die Kosten, es lief auf eine Quadratmetermiete von 13 bis 14 Euro hinaus. Und das bei einer ortsüblichen Vergleichsmiete von 6 bis 7 Euro. Da haben wir uns zu einem Projekt hinreißen lassen für Bewohner, die es gar nicht gibt, wir haben uns aus dem Markt heraus kalkuliert. Wir haben uns in bestem Einvernehmen mit dem Investor und dem Bauträger früh genug, ohne dramatischen finanziellen Schaden, von dem Projekt getrennt. Es ist für uns eine logische Entscheidung, solche teuren Projekte nicht mehr anzufassen.  

Und wie wollen Sie jetzt beim Betreuten Wohnen wachsen?

Schauen Sie: Wir sind die Könige der Klein- und Mittelstädte. Ja, wir sind auch in Dresden, Leipzig und Erfurt präsent, aber vor allem eben in Städten wie Radeberg, Zwickau, Bautzen, Apolda, Freital und, und, und… Dort sind wir Teil der städtischen Kultur. Und in allen diesen Städten gibt es Wohnungsbaugesellschaften mit einem immer größeren Angebot an Wohnraum wegen der sinkenden Einwohnerzahlen. Mit diesen Wohnungsbaugesellschaften wollen wir zusammenarbeiten und in deren Häusern Altenpflege betreiben, weil das anders gar nicht finanzierbar ist. In Erfurt und Halle sind wir mit Wohnungsbaugesellschaften schon im Gespräch.

Und was sagt der Advita-Eigentümer dazu?   

Wir gehören der französischen Domus Vi. Das ist ein großer Altenpflege-Konzern, hinter dem aber seit Anfang der 80er Jahre mit Yves Journel ein und dieselbe Person steht. Yves Journel ist werteorientiert – das gilt auch für den weiteren Gesellschafter ICG. Natürlich erwarten unsere Gesellschafter, dass wir uns selbst finanzieren und Geld verdienen. Das machen wir in überschaubarer Größenordnung. Es geht jetzt aber darum, eine neue Strategie zu entwickeln. Neubau-Geschäft mit Projektentwickler und Investor funktioniert für uns einfach nicht mehr. Wir haben in diesem Jahr noch zwei Projekte im Westen, in Minden und Landau, die werden wir noch zu Ende führen. Doch dann werden wir uns eher an Kooperationen mit Wohnungsbaugesellschaften ausrichten.

Das Interview führte Kirsten Gaede 

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